Sie sehen dir zu - Wie Google und Facebook dich beobachten

Sie sehen dir zu

Wie Google und Facebook dich beobachten

Dominik Bärlocher
von Dominik Bärlocher
Lesezeit: 10 Minuten

Dein Leben hat einen Wert. Das denkt zumindest das Internet. Klar, das Netz ist manchmal ein grässlicher Abgrund voll unaussprechlicher Dinge und Zeug, das einfach nur komplett seltsam ist, aber es gibt da gute und schöne Orte. Google, zum Beispiel. Parental Filter eingeschaltet, Safe Search ein und du kannst nach den wildesten Sachen suchen, ohne dass du nachher einen Psychiater brauchst, nur damit du wieder ein produktives Mitglied der Gesellschaft sein kannst. Facebook ist auch ganz nett. Da gibt es Filter und Ignorier-Funktionen dank denen du noch nicht durchgedreht bist, weil jemand dich einmal zu viel nach Hilfe im Spiel Farmville gefragt hat.

Aber die Sache ist die: Facebook und Google sind beides Unternehmen mit mehreren Milliarden Umsatz im Jahr. Und Unternehmen handeln mit etwas. Wie sonst glaubst du kann sich Google ihre Reisen um die Welt in einem Auto mit Kamera auf dem Dach leisten? Oder das merkwürdige “Internet vom Heissluftballon aus”-Experiment? Oder die Entwicklung von Google Glass? Zugegeben, es ist nicht ganz klar, wofür Facebook sein Geld braucht, mal abgesehen davon, sich selbst am Leben zu erhalten. Aber das ist auch nicht der Punkt dieses Labs.

Original von Oliver Widder

Der Punkt ist der: Du bist ihr Geld. Jeder Suchbegriff, jedes Statusupdate, jede Voice Search, jedes Like dort machen die beiden Geld. Jedes Bit an Daten, das du ihnen gibst wird für eines und nur für eines genutzt: Werbeeinnahmen. “Wie machen die das”, fragst du dich? Hier ist ein einfaches Beispiel.

Du bist ihr Geld. Ein einfaches Beispiel

Grässlich.

#Ein Verkäufer hat ein Produkt im Angebot. Sagen wir mal ein T-Shirt mit dem Aufdruck #yolo

  1. Facebook überprüft, wie viele Leute #yolo in ihren Posts verwenden. Es sind zehn Millionen User. Du und viele deiner Freunde sind darunter.
  2. Facbook teilt dem Verkäufer mit: “Hey, Verkäufer, wir wollen dein furchtbares Shirt verkaufen. Da sind zehn Millionen Leute, denen deine Werbung gefallen könnte. Gib uns 100 000 Dollar und jeder von denen sieht dein Shirt.”
  3. Der Verkäufer ist beeindruckt und rechnet nach. Ein Shirt verkauft sich für $19 (Ja, dieses Shirt kostet tatsächlich neunzehn Dollar). Das macht $190 000 000 als maximaler Gewinn. Angenommen nur zwei Prozent der Leute kaufen das Shirt dann auch, das macht dann 190 Millionen durhc 50, was immer noch 3.8 Millionen macht.
  4. Der Verkäufer gibt Facebook das Geld.
  5. Du siehst die Werbung und, angenommen du hast gar keinen Geschmack, kaufst das Shirt.

Also bist du sehr interessant. Alles, was du tust oder sagst hat plötzlich Marktwert. Also haben Facebook und Google sich Mühe gegeben, so viel wie nur irgendwie möglich aus dir herauszuquetschen. Das Resultat: Facebook und Google wissen sogar, was wir nicht posten.

Google Weiss, was du suchst, bevor du es suchst.

Google mag seine User. Google mag sie sogar so sehr, dass sie auf keinen Fall böse sein wollen und Don’t be Evil als eine Art Slogan adoptiert haben. Und seien wir doch ehrlich: Google könnte wesentlich böser sein, wenn sie wollten. Als sie den Slogan angenommen haben, war das eine Art Seitenhieb gegen ihre Konkurrenz, die laut Paul Buchheit, Erfinder von Gmail und Angestellter von Google, “ihre User etwas ausgenutzt haben”. Das klingt leicht ironisch, weil Google wirklich jeden bisschen Information haben will. Alles, was du je gesucht hast? Sie wissen es. Und sie wissen sogar, wo du jetzt gerade sitzt.

“Wie machen die das”, höre ich dich fragen? Einfach. Meist helfen sie dir bei der Suche. Gehen wir mal davon aus, dass du den Satz Wer aber wird die Wächter selbst bewachen? (Englisch: Who watches the watchmen?) suchst. Kleiner Exkurs am Rande: Der Satz wir dem römischen Poeten Juvenal zugeschrieben, im lateinischen Original Quis custodiet ipsos custodes. Der Satz hat im 20. Jahrhundert wieder Popularität erlangt, weil unter anderem Alan Moore den Satz als Graffiti in seinem Comic Watchmen immer wieder hat auftauchen lassen.

Also, auf nach Google. Das Suchfeld taucht auf und du fängst an, zu tippen. Google ist nett. Wirklich. Sie schlagen dir vor, was du suchen könntest.

Das hilfreiche Google ist hilfreich. Danke!

Wie machen die das? Einfach. Da gibt es einen JavaScript-Befehl der da onKeyPress heisst. Und der geht so

<input type="text" onKeyPress="myFunction()">

Im Falle von Google ist myFunction() etwas, das ihre ganze Datenbank abfragt und danach versucht, deinen Suchbegriff zu erraten. So kommt es auch, dass dieses merkwürdige Prostitutions-Ding in meine Such nach einem römischen Zitat kommt.

Die Funktion ist sogar so gut, dass du sehen kannst, wie es funktioniert, wenn du die automatische Suche eingeschaltet hast. Dann hast du nicht nur den Autocomplete sondern auch die URL der Site, die sich nach jedem Tastendruck erneuert.

Wait, I didn't enter that URL.

Was passiert da? In etwa das hier:

Das Resultat: Auch wenn du dich entschliesst, die Suche nicht durchzuführen, weiss Google was du gesucht hättest.

Notiz: Es muss nicht zwingend onKeyPress sein. Da gibt es wahrscheinlich auch noch andere, ähnliche Funktionen. Aber onKeyPress ist wohl die einfachste Lösung, weil es eine Standard Java-Funktion ist.

Das ist dir noch nicht schlimm genug? Nun denn, werden wir schlimmer und vor allem persönlicher.

Facebook weiss, was du nicht postest

Die Frau, in die du verliebt bist, postet ein Bild auf Facebook. Sie lächelt in die Kamera, du willst ihr sagen, dass sie wunderschön ist. In einem seltenen Anfall von Mut klickst du auf das Kommentar-Feld und beginnst die Worte “Du bist wunderschön” zu tippen. Aber so schnell dich der Mut ereilt hat, so schnell verlässt er dich auch wieder. Du löschst das Getippte.

Aber Facebook weiss, was du machen wolltest. Wieder dank onKeyPress. Auch wenn du nur “Du bist wunders” getippt hast, bevor dich der Mut verlassen hat, hast du immerhin 78.94 Prozent der Mitteilung geschrieben, die du hättest machen wollen. Das ist weit mehr als ein Computer braucht, um herauszufinden, was du eigentlich sagen wolltest.

Natürlich sagt Facebook uns nichts davon. Wie also wissen wir, dass sie das tun? Wir wissen das, weil Sauvik Das von der Carnegie Mellon Universität und Adam Kramer, seines Zeichens Mitarbeiter bei Facebook, eine Studie veröffentlicht haben, die den Titel Self-Censorship on Facebook trägt. In der Einleitung ist folgendes zu lesen:

Wir berichten von Resultaten in der Forschung im Feld der “Last Minute”-Selbstzensur, oder dem Content, der gefiltert wurde, nachdem er auf Facebook geschrieben worden ist. Wir haben die Daten von 3.9 Millionen Usern währen 17 Tagen analysiert und die Daten mit den persönlichen Angaben der User, ihren sozialen Interaktionen und dem sozialen Graphen abgeglichen.

Voilà, da ist es. Facebook hat die Fähigkeit, zu analysieren, was du nicht postest. Und warum haben sie das getan? Damit sie Folgendes herausfinden können:

Unsere Resultate deuten darauf hin, dass 71% der User einen gewissen Grad der Last-Minute-Selbstzensur ausüben. Das Verhalten dabei liefert spezifische Beweise dafür, dass das “vorgestellte Publikum” das Herzstück dieses Verhaltens ist…

Das ist ja ganz bezaubernd. Die Tatsache, dass du manchmal Sachen nicht postest, legitimiert, dass Facebook weiss, dass du heimlich in die Frau an deinem Arbeitsplatz verliebt bist. Klingt das auch nur ansatzweise okay für dich?

Service kontra Spionage

Google geht es hauptsächlich darum, ihren eigenen Service zu verbessern. Zudem ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass du Google sagen wirst, dass sie wunderschön ist. Okay, vielleicht suchst du nach einer Heilmethode für den äusserst peinlichen Ausschlag, den du manchmal hast, aber das ist nicht so vernichtend für dein Sozialleben wie wenn Facebook deine nicht-publizierten Status-Meldungen veröffentlichen würde. Generell: Google will besser werden. Das macht sie nicht so böse, wie sie sein könnten.

Facebook ist die Kehrseite der Medaille. Es gibt wenige bis gar keine Gründe, weshalb sie ihre Status-Felder mit onKeyPress versehen sollten. Weil, wenn wir das Ganze aus einer Service-Perspektive betrachten, wozu könnten wir in einem Feld wie dem Status-Feld eine Autocomplete-Funktion brauchen? Oder in ein Private-Nachrichten-Schreib-Feld? Weil, seien wir mal ehrlich, der Status Habe neues Shirt gekauft #yolo ist nicht etwas, das du jeden Tag postest.

Wie entkomme ich dem?

Gar nicht.

Echt nicht?

Du kannst deinem Browser sagen, dass du JavaScript deaktivieren willst. Das wird aber das Sufen im Netz schrecklich machen, da praktisch jede Website irgendwo eine JavaScript-Funktion eingebaut hat. Es gibt allerdings einige Browser-Plugins – das wohl beliebteste darunter ist NoScript – die es dir erlauben, selektiv JavaScript zu deaktivieren. Das Problem hierbei ist, dass das Setup des Plugins recht viel Zeit und Wissen in Anspruch nimmt.

Über den Autor

Dominik Bärlocher

Der Journalist Dominik Bärlocher ist seit 2006 im IT-Bereich tätig. Während seiner Arbeit als Journalist bei grossen Schweizer Zeitungen sind ihm seine Recherchefähigkeiten und seine IT-Affinität immer wieder zu Hilfe gekommen. Bei scip AG führt er OSINT Researches durch und betreibt Information Gathering.

Links

Sie brauchen Unterstützung bei einem solchen Projekt?

Unsere Spezialisten kontaktieren Sie gern!

×
Crypto-Malware

Crypto-Malware

Ahmet Hrnjadovic

TIBER-EU Framework

TIBER-EU Framework

Dominik Altermatt

Vertrauen und KI

Vertrauen und KI

Marisa Tschopp

Datenverschlüsselung in der Cloud

Datenverschlüsselung in der Cloud

Tomaso Vasella

Sie wollen mehr?

Weitere Artikel im Archiv

Sie brauchen Unterstützung bei einem solchen Projekt?

Unsere Spezialisten kontaktieren Sie gern!

Sie wollen mehr?

Weitere Artikel im Archiv