Public Shaming und der Fall Ashley Madison

Public Shaming und der Fall Ashley Madison

Stefan Friedli
von Stefan Friedli
Lesezeit: 6 Minuten

Benutzer der Dating-Plattform Ashley Madison dürften diese Tage nicht sonderlich gut schlafen: Nachdem bereits vor einem Monat klar wurde, dass die Seite kompromittiert wurde, veröffentlichten die Angreifer nun wie angedroht einen Teil der gestohlenen Daten. Knapp 30 Gigabyte an Daten stehen auf einschlägigen Plattformen zur Verfügung, voll mit Namen, Adressen, Transaktionsdaten und anderen heiklen Informationen.

Bezeichnet man Ashley Madison als Dating-Plattform, so fehlt hier vielleicht etwas Kontext. Mit dem Motto Das Leben ist kurz – gönn dir eine Affäre hat das Portal seit Jahren hausiert. Wer einen Dienst nutzt, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, den Akt des Fremdgehens zu vereinfachen, schürt möglicherweise den moralischen Zorn derer, die Treue gerne als hohes Gut bezeichnen.

Wer den Schaden hat, braucht bekanntlich für den Spott nicht zu sorgen. So wundert es denn auch nicht, dass sich Medienhäuser auf der ganzen Welt voller Elan in die veröffentlichten, persönlichen Daten fremder Menschen stürzen um mit erhobenem Zeigefinger auf jene zu zeigen, die sich aus welchen Gründen auch immer für den Dienst angemeldet hatten. So zum Beispiel im Fall der US TV-Persönlichkeit Josh Duggar, dessen bezahlte Mitgliedschaft ein gefundenes Fressen für das Blatt HollywoodReporter darzustellen scheint. Auch lokale Schweizer Blätter sind begeistert und filtern fröhlich und weitgehend erfolgreich – bis dato – nach Schweizer Benutzern, bevorzugterweise mit bekannten Namen wie Christoph Mörgeli oder Fabian Molina.

Man mag nun sagen dass es der Aufgabe eines Medienhauses entspricht, gesellschaftliche Werte zu vertreten und Verstössen gegen ebenselbige hervorzuheben. Nur verliert dieses Argument schnell an Gravitas, wenn man die derzeitige Inquisition gegen betroffene Benutzer der meistgelesenen Schweizer Pendlerzeitung mit der früheren Berichterstattung abgleicht. So präsentierte 20 Minuten noch in 2010 stolz ein Interview mit dem Europa-Chef Ashley Madisons und auch in den Folgejahren fand die Plattform immer wieder relativ unkritisch betrachtet den Weg in den redaktionellen Inhalt der Print- und Onlineausgaben.

Die opportunistische Natur der Medien beiseite lassend ist die Reaktion auf die publizierten Daten primär von Häme dominiert. Wer seinen Partner betrügen will, so der Konsens einer lauten Gruppe von Kommentatoren, der muss halt damit rechnen dass er entsprechende Konsequenzen erfährt. Man fühlt sich hier an Selfiegate erinnert, wo gestohlene, privat geschossene intime Fotos von (primär weiblichen) Berühmtheiten in einem beispiellosen Akt von Victim Blaming – auf Deutsch etwa: Dem Opfer die Schuld geben – mit einem lakonischen Selber schuld, die müssten es ja besser wissen! kommentiert wurden. Erst Jennifer Lawrence’s direkte, uneingeschüchterte Antwort, in der sie den Diebstahl der Fotos als Sex Crime, also als Sexualverbrechen, bezeichnete, drehte die Diskussion in eine etwas andere Richtung.

Der Fall Ashley Madison ist anders, aber doch gleich: Bei den Daten, die hier fröhlich analysiert werden handelt es sich um die privaten Daten Tausender, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Die Überheblichkeit die benötigt wird um, auf Basis einer scheinbaren moralischen Überlegenheit, diese Daten auszuwerten und zum Blossstellen der betroffenen Personen zu nutzen, spricht Bände über die Persönlichkeiten jener, die hier laut hetzend mit dem Finger auf andere zeigen.

Man mag nun von Menschen, die es mit der Treue nicht so genau nehmen halten was man will. Fakt ist aber, dass die momentane Handhabung solcher Vorfälle aktiv zu öffentlichem Shaming führt. Der Kontrast ist enorm: Wo im privaten Rahmen ein Ehemann/eine Ehefrau in flagranti vom Partner in einem Hotelzimmer erwischt wird, was zu reichlich Ungemach und möglicherweise einer Scheidung führt dürfte, wird der besagte Täter im Kontext des Ashley Madison Zwischenfalls möglicherweise öffentlich erkannt: Im Freundeskreis, im Job, in der erweiterten Familie.

Der scharlachrote Buchstabe

Menschen, die nach dem Konsens einer ausreichend grossen Gruppe, etwas falsch machen werden öffentlich an den Pranger gestellt, verbal und teils physisch angegriffen und gezielt ausgegrenzt. Die Öffentlichkeit und die Medien sind Richter, Jury und Henker und die Strafe an sich unglaublich drakonisch. Und so würde es auch nicht verwundern, wenn Suizid längerfristig auf der Liste der Konsequenzen des Ashley Madison-Hacks auftauchen würde. Mit einiger Distanz betrachtet, erinnert die Berichterstattung der letzten Tage dann auch unangenehm an Nathaniel Hawthorne’s Der Scharlachrote Buchstabe, in dem eine Ehebrecherin im puritanischen Neuengland gegen Ende des 17. Jahrhunderts an den Pranger gestellt wird. Ein Vergleich, der im Jahr 2015 nicht gerade als Loblied auf den modernen Journalismus gelten darf.

Ganz generell muss jeder moderne Mensch sich fragen, ob die gegenwärtige Hexenjagd gegenüber den betroffenen, unter blossem Verdacht der Untreue stehenden, Nutzern in einer Zeit in der polyamouröse Beziehungen keine Neuheit darstellen und in der Pornographie einen massiven Anteil am Gesamtvolumen des Internetverkehrs darstellt so relevant sind, wie die Titelseiten es implizieren wollen.

Es ist unabdingbar, dass Medien wie auch Experten diese Debatte über die Ethik im Hinblick auf die Nutzung solcher Daten führen. Berichterstattung über einen solch massiven Datendiebstahl ist legitim – das Leben fremder Menschen auf Basis einer Schuldesvermutung in Verbindung mit einem Benutzernamen zu ruinieren, nicht.

Über den Autor

Stefan Friedli

Stefan Friedli gehört zu den bekannten Gesichtern der Infosec Community. Als Referent an internationalen Konferenzen, Mitbegründer des Penetration Testing Execution Standard (PTES) und Vorstandsmitglied des Schweizer DEFCON Group Chapters trägt er aktiv zum Fortschritt des Segmentes bei.

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