Vom Schaden nachdem ein Medienhaus gehackt wurde

Vom Schaden nachdem ein Medienhaus gehackt wurde

Dominik Bärlocher
von Dominik Bärlocher
Lesezeit: 12 Minuten

Einige Adjektive beschreiben die Medien, auch wenn sie manchmal nur das sind, was uns die Medien selbst glauben haben wollen. Sie sind neutral, sie sind verlässlich und sie können nicht korrumpiert werden. Sie mischen sich nicht ein, sie haben keine Meinung und sie konzentrieren sich immer auf die Fakten. Sie schreiben nicht für ein bestimmtes Publikum, das eine Meinung vertritt, oder wiederholen Meinungen anderer unkritisiert. Das sind Eckpfeiler einer modernen und unabhängigen Medienlandschaft.

So modern Medienhäuser auch sein wollen, sie vernachlässigen oft eine Sache. Im Speziellen betrifft das die traditionellen Medien wie Zeitungen oder Fernsehsender, deren Kerngeschäft nicht im Internet stattfindet. Diese scheinen oft der Auffassung zu sein, um die ganzen internen und bürokratischen Wirren abzukürzen, dass das Internet vernachlässigt werden kann. Das führt unweigerlich dazu, dass das Medienhaus allen möglichen Angriffen zum Opfer fallen kann. Der finanzielle Schaden hierbei ist zu vernachlässigen. Andere Effekte sind weit schlimmer.

Um die Situation komplett zu verstehen, ist etwas Wissen aus der Geschichte der Medien notwendig und wie diese Werte sich in der heutigen Welt nicht mehr halten können. Vor allem nicht im Internet, das von einigen Medienhäusern, um die Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zu zitieren, als digitales Neuland gehandhabt wird.

Journalismus in Krisensituationen

Egal, welcher Tag gerade ist, es gibt immer einen Krisenherd irgendwo auf dieser Welt. Irgendwer konnte sich nicht mehr zurückhalten und den Finger nicht mehr vom Abzug lassen. Sobald Blut fliesst, küssen Journalisten ihre Liebsten, hoffen dass das nicht das letzte Mal war und ziehen in die Schlacht. Warum? Um den Kriegsfotografen Kenneth Jarecke zu zitieren, der eines der eindrücklichsten Bilder des ersten Golfkrieges geschossen hat:

If I don’t photograph this, people like my mom will think war is what they see on T.V.

Journalisten sind, zumindest theoretisch, Menschen, die uns Zeiten und Orte unserer Welt zeigen, die wir sonst nie zu Gesicht bekommen würden. Das heisst, dass sie sich in Lebensgefahr begeben, damit ihre Leserschaft fern der Krise über den Konflikt informiert bleibt.

Die Journalistin Marie Colvin hat ihre Motivation, immer und immer wieder in den Krieg zu ziehen, erklärt als sie den Award for Courage in Journalism der International Women’s Media Foundation angenommen hat.

Im Krisengebiet angekommen haben Journalisten gewisse Privilegien. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes bestellt Journalisten besonderen Status:

Regel 34. Zivile Journalisten die in beruflichem Auftrag in Konfliktgebieten verkehren müssen, so lange sie nicht an den Kampfhandlungen teilnehmen, respektiert und beschützt werden.

In den vergangenen Jahren befolgen immer weniger Kämpfer dieses Recht. Journalisten werden zunehmend genötigt, entführt und, schlimmstenfalls, sogar getötet.

Marie Colvin ist im syrischen Krieg gestorben

Das sind nur einige der getöteten Journalisten. Im Syrienkonflikt alleine sind bis dato 130 Journalisten durch Kriegshandlungen getötet worden.

Der neue Krieg

Im Laufe der Jahre hat sich herausgestellt, dass die Tötung von Journalisten keine so gute Idee ist. Sobald ein Journalist stirbt, werden Untersuchungen angestellt und die Öffentlichkeit ist immer auf der Seite, die den Journalisten nicht getötet hat. Sollte es sich bei der Tötung um einen Angriff unter falscher Flagge handeln, so muss eine einfache aber glaubwürdige Geschichte erfunden werden. Falsche Schuldige müssen gefunden und in der Regel exekutiert werden. Also eine grosse Sache, die eine Menge Fragen aufwirft und im Normalfall zu widersprüchlichen Antworten führt, die einfach nicht so recht zusammenpassen wollen (wo wie im Falle der Anna Politkovskaya).

Die Verbreitung der politischen Botschaft ist denn auch relativ klein, da der Fokus auf den Toten liegt. Daher sind Aufständige und Agents Provocateurs im Internet aktiv, um ihre Botschaft zu verbreiten. Ihre Ziele sind berühmt, deren Verbreitung gross. Im Zuge dieser Taktik verschandeln sie Websites um ihre Botschaft anzuzeigen.

In jüngster Zeit haben Hacker, die vermutlich Mitglied des Islamischen Staates sind, eine unbekannte Anzahl Websites gehackt. Unter dem Namen Cyber Caliphate haben sie der Welt gezeigt, dass sie durchaus in der Lage sind, digitales Chaos anzurichten.

Das Internet wird zum Kriegsschauplatz. Kriege werden nicht mehr nur von Männern und Frauen auf dem Schlachtfeld geführt, sondern auch von Menschen hinter Bildschirmen.

Warum? Hearts and Minds. Die Strategie die erstmals von der US- Armee im Vietnamkrieg als offizielle Strategie eingesetzt wurde zielt darauf ab, Sympathien der lokalen Bevölkerung zu gewinnen, die sich mit einer offensichtlich aggressiven Macht konfrontiert sieht. Im Fall des IS handelt sich um eine Gruppe religiöser Hardliner, deren Glaube seit spätestens 2001 marginalisiert und dämonisiert worden ist.

Hearts and Minds kann viele Formen haben. Normalerweise handelt es sich um einen Angriff an zwei Fronten, aber die beiden Fronten können auch unabhängig voneinander angegriffen werden.

Um dieses Konzept besser und einfach erklären zu können, nehmen wir an, dass Krieg zwischen Nation A und Nation B herrscht. Nation A kämpft auf dem Boden von Nation B.

  1. Hearts – Herzen: Nation A versucht, in Nation B Sympathien der dortigen Bürger zu gewinnen. Dies kann sein, dass Nation A die Nahrungsversorgung sicherstellen, Infrastruktur bauen und so weiter
  2. Minds – Gedanken: Nation A versucht, die Soldaten der Nation B einzuschüchtern, damit sie im Idealfall aufgeben. Das beinhaltet die Demonstration von unbeugsamen Willen wie auch militärischer Stärke.

Der Islamische Staat verfolgt eine Strategie, die Hearts and Minds nicht unähnlich ist. Die Kämpfer betreiben Kanäle auf sozialen Medien wie Twitter und erhaschen so Likes und Sympathie – Hearts. Das funktioniert nicht schlecht, denn Medienberichte von bisher Unauffälligen, die ihr Leben in Europa zurücklassen um für den IS in die Schlacht zu ziehen, häufen sich.

Interessanter im Zusammenhang mit gehackten Medienhäusern ist aber Minds. Denn darum geht es, wenn ein Medienhaus gehackt wird.

TV5Mondes Sendeausfall

Am 8. April 2015 hat das Cyber Caliphate ihren wohl grössten Angriff gestartet. Der französische Fernsehkanal TV5Monde wurde gehackt. Der Sender war stundenlange nicht in der Lage, zu senden und die Social Media Kanäle wurden mit IS-Propaganda gefüllt. Der finanzielle Schaden ist begrenzt und zu vernachlässigen. Aber die Gedanken der Menschen und die der Medienhäuser sind verletzt.

Die Menschen, die Leser oder Zuschauer, erwarten historisch bedingt, dass die Presse verlässlich und unantastbar ist. Keiner kann ihnen Schaden zufügen und die Medien haben die Freiheit zu tun, was sie wollen so lange sie die Wahrheit herausfinden. Diese Erwartung hat sich über die Jahrhunderte der Printmedien und ihrer Nachfolger in den Köpfen gehalten. Hackerangriffe auf Radio- und Fernsehsender sind selten. Der wohl berühmteste Vorfall ist das Hijacking des US-Fernsehsenders WTTV. Eine Folge der britischen Science-Fiction-Serie Doctor Who wurde von einem Mann in einem _Max-Headroom_-Kostüm unterbrochen:

Aber sonst? Piratenradio ist tot weil es nicht mehr notwendig ist. Jeder kann Videos auf YouTube hochladen und so seine eigene TV-Show haben. Es gibt einfach keinen Grund mehr, die Medien anzugreifen, wenn der Angreifer Medienpräsenz sucht. Der einzige legitime Grund ist der, dass der Angreifer beweisen will, dass er oder sie es kann.

Das ist genau der Punkt, den das Cyber Caliphate machen will. Sie erreichen auch den Durchschnittsbürger direkt. Dazu hat TV5Monde gedient. Die Medien sind nicht mehr nur Beobachter des Alltags. Sie sind nicht mehr unantastbar. Sie können kompromittiert werden und sie sind machtlos.

Das geht in den Köpfen der Menschen vor. Dem gegenüber stehen die Medien. Sie wollen 24 Stunden am Tag für ihre Leser da sein, ihre Integrität und ihre Selbstsicherheit wahren. Das können sie nun alles nicht mehr. Sie erscheinen gebrochen und machtlos vor dem Cyber Caliphate.

Die Konsequenzen

Medienhäuser müssen grösseren Wert auf Hacker legen, die ihnen ans Leder wollen. In unserer täglichen Arbeit sehen wir oft, dass dem nicht so ist. Doch es liegt im Interesse eines Medienhauses wie auch in dem einer jeden sich selbst als frei bezeichnenden Nation, dass die Medien – seien sie nun auf der eigenen Seite oder der anderen – frei und ungehindert ist.

Journalismus muss weitergehen. Er muss ungehindert sein. Sollten Mächte auftauchen, die die Freiheit der Medien einschränken wollen, so ist es an den Medienhäusern sich dagegen zu verteidigen. Auch gegen Hacker. Sichere Passwörter, Hardening und so weiter. Wenn die Freiheit der Medien bedeutet, dass die eigene Website und die eigenen Server zu digitalen Festungen werden, dann ist das halt so.

Was können die Menschen, Leser und Zuschauer, tun? Nichts. Denn sie sollten auch nicht. Sie sollten sich auf ihre Medien verlassen können. Ist das eine grosse Verantwortung für ein Medienhaus? Absolut. Diese Verantwortung sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Derzeit sind hunderte von Journalisten unterwegs und riskieren Leib und Leben um Ihnen Ihre News zu bringen, Ihnen die Einsicht in Kriegsgebiete zu geben und Ihnen aufzuzeigen, dass Krieg nicht das ist, was sie im TV sehen. Sie tun es für Sie.

Über den Autor

Dominik Bärlocher

Der Journalist Dominik Bärlocher ist seit 2006 im IT-Bereich tätig. Während seiner Arbeit als Journalist bei grossen Schweizer Zeitungen sind ihm seine Recherchefähigkeiten und seine IT-Affinität immer wieder zu Hilfe gekommen. Bei scip AG führt er OSINT Researches durch und betreibt Information Gathering.

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