Die Zukunft: Personal Assistants

Die Zukunft

Personal Assistants

Dominik Bärlocher
von Dominik Bärlocher
Lesezeit: 10 Minuten

«Computer, mach mir einen Darjeeling-Tee mit Zucker», sagt Captain Kathryn Janeway vom Föderationsraumschiff Voyager. Der Computer piept, Janeway geht zum Replikator und da ist ihr Tee, vom Computer so zubereitet, wie sie ihn gerne hat.

Die Szene aus Star Trek: Voyager ist aktuell noch Science Fiction. Noch. Alle Smartphones haben eine Art Personal Assistant eingebaut. Apple nennt ihn Siri und bei Google heisst der Assistent Google Now. Sie nutzen das Mikrofon des Telefons, um der Stimme der Nutzer zuzuhören und dann Befehle auszuführen. Da gibt es nur ein Problem: Die Assistants sind dumm. Sehr, sehr dumm.

Facebook M - schon bald erhältlich

Das wird sich höchstwahrscheinlich ändern. Der erste Anwärter für einen Assistant mit künstlicher Intelligenz in der Hosentasche heisst Facebook M und hat die wohl ungoogelbarste Bezeichnung seit dem Ort in Wales mit dem langen Namen. Facebook M ist zudem ein Alptraum für jede Privatsphäre. Aber seien wir nicht vorschnell. Schauen wir uns zuerst die Funktionsweise der Assistants an.

David Marcus, President of Messaging Products bei Facebook, beschreibt Facebook M wie folgt:

Unlike other AI-based services in the market, M can actually complete tasks on your behalf. It can purchase items, get gifts delivered to your loved ones, book restaurants, travel arrangements, appointments and way more.

Darin liegt das Problem, oder eben halt die Dummheit, der Assistants. Der Computer auf dem Föderationsraumschiff Voyager denkt mit. Er lernt und analysiert, speichert und rechnet. Google Now und Siri tun das noch nicht so schnell, effektiv und bequem, wie sie das sollten. Google Now schaut zwar YouTube-Präferenzen, Suchhistorie und Geolocation-Daten an, weiss aber lange nicht so recht, was es damit anfangen soll.

Nervtötender Test

Ich werde niemals bestreiten, dass sowohl Siri wie auch Google Now das Leben in gewissen Situationen bequemer machen. Im Auto zum Beispiel können Assistants Lebensretter sein, da sie zuhören und Befehle ausführen. So kann der Fahrer sich auf die Strasse konzentrieren. Aber direkt bequem sind sie nicht. In den vergangenen Wochen habe ich das Ausmass der Funktionen sowohl auf Siri wie auch auf Google Now getestet. Hauptsächlich wollte ich Pizza bestellen. Daher habe ich mich mit iPad und Samsung Galaxy S5 hingesetzt, die Peinlichkeit, dass ich mit einem Computer reden werde, überwunden und folgenden Satz gesagt: «I would like to order a pizza.» Die Assistenten reden nur schlecht Deutsch und Schweizerdeutsch schon gar nicht.

Wie dem auch sei, ich war es, der am Ende die Pizza bestellt hat. Beim ersten Versuch, habe ich mir gedacht, dass sowohl Siri wie auch Google Now lernfähig seien. Daher versuchte ich das noch einmal. «I would like to order a pizza at $pizzeria» wobei $pizzeria meine Lieblingspizzeria ist.

Seit September habe ich versucht, Siri und Google Now beizubringen, dass ich gerne die Pizza der einen Pizzeria essen möchte und das Gerät doch bitte so gut sei, mir diese zu bestellen. Beide beharren aber auf den Resultaten, die sie mir schon beim ersten Mal vorgeschlagen haben. Das scheint das Beste zu sein, das sie drauf haben. Genau da will Facebook M die Nase vorn haben.

Den Assistants zugute halten muss ich hier, dass sie mich sehr wohl verstanden haben. Sie haben zugehört, festgestellt, dass ich von Pizza rede und wohl auch gerne eine essen würde und daraufhin im Rahmen ihrer eingebauten Möglichkeiten das Möglichste getan. Zudem bin ich mir sicher, dass präferenzenbasierte Suchresultate nach Einführung einer Preisstruktur für Unternehmen nicht lange auf sich warten lassen. Der Top Spot der Google-Suchresultate kostet halt.

Andere Aufgaben haben die Assistants aber sehr gut gelöst, auch wenn manchmal etwas Semantik nötig war. Denn mitdenken ist nicht der Assistants grösste Stärke.

Ich habe das im Laufe der vergangenen Monate wiederholt versucht und auch noch einige andere Tests gemacht, aber das waren meine Benchmark-Sätze. Siri wie auch Google Now haben nichts oder nur unbemerkbar wenig gelernt. Oft habe ich mir gedacht, dass ich schneller zum Ziel käme, wenn ich das einfach schnell eintippen würde. Zudem hatten beide Assistants manchmal bedeutende Verzögerungen zwischen der Realisierung, dass ich jetzt fertig geredet habe, dem Hochladen und Analysieren meiner Stimme und schlussendlich dem Download der Instruktionen.

Facebook M will das ändern. So könnte das aussehen:

Babyschühchen mit einem Klick kaufen

Das ist jetzt der Zeitpunkt, an dem Menschen, die sich um ihre Privatsphäre sorgen folgenden Satz von sich geben: «Was soll das?!»

Der Privatsphärenalptraum kommt

Facebook M und jeder andere Assistant, der diese Funktionalität übernehmen wird, wird automatisch zum Privatsphärenalptraum. Im Prinzip sind Assistants das jetzt schon.

Schauen wir uns das Beispiel aus dem Screenshot an. Um Babyschuhe kaufen zu können, braucht ein Computersystem Folgendes:

Zudem muss Facebook M sowohl Ihre Präferenzen wie auch die Ihrer Freunde und die der Allgemeinheit analysieren. Ich habe die Funktionsweise hinter Datenkorrelation in einem anderen Beitrag erklärt.

Der Tod der Kleinunternehmen

Wo wir schon über Alpträume sprechen, malen wir doch noch etwas weiter schwarz. Fällt Ihnen noch etwas an diesem Screenshot auf? Es nimmt Ihnen jegliche Auswahl. Wenn wir nun Facebooks Vergangenheit mit Werbung in Betracht ziehen, während der Nutzer für die Platzierung eines Angebots an prominenter Stelle Geld bezahlen, klingt das schon mal nicht gut für kleinere Unternehmen. Oder Mittelgrosse.

Wenn wir Echte-Welt-Analogien ziehen wollen, dann ist die Facebook-Pinnwand eine recht gute Immobilie. Sie sind so gestaltet, wie der Nutzer es haben will, werden regelmässig genutzt und sauber gehalten. Facebook gehört zum Ersten, was Nutzer morgens tun und zum Letzten bevor sie schlafen gehen. Das macht Facebook zum vertrauten, fast schon intimen, Ort. Um da Werbung erscheinen zu lassen, zahlen Unternehmen gerne grosse Summen.

Facebook M geht da einen Schritt weiter. Wenn die Pinnwand das Wohnzimmer ist, dann ist der Messenger der Ort unter der Decke im Schlafzimmer. Ein Ort, an dem sich Nutzer geschützt fühlen, wohlig warm. Ein vertrauter Ort. Um dort Werbung zu machen… Tja, Facebook kann den Preis wohl frei bestimmen und einfach eine Zahl nennen.

Am Ende kauft ein Nutzer die Schühchen von einer Firma, die Facebook eine horrende Summe gezahlt hat, um die einzige Option zu werden, die angezeigt wird. Kleinere Firmen, die sich einen solchen Betrag nicht leisten können, werden sowohl von Nutzern wie auch Facebook vernachlässigt.

Vereinfacht ausgedrückt, passiert dann das:

«Aber es ist ja nur Facebook», höre ich sagen. Bedenken Sie: 1.5 Milliarden Menschen auf der Erde haben ein Facebook-Profil. Aktuell leben 7.3 Milliarden Menschen auf der Erde. Beide Zahlen werden steigen, da Initiativen wie Internet.org – auch ein Facebook-Produkt – mehr Menschen ans Netz anschliessen werden. Egal, was Sie persönlich von Facebook halten, es ist zur sozialen Grossmacht geworden, setzt Trends, Gesprächsthemen und generiert Geld.

Vorsicht vor dem Grossartigen

Ich gebe gerne zu, dass Personal Assistants auf Smartphones ziemlich cool sind. Klar, sie sind noch etwas mühsam, aber keiner kann abstreiten, dass die Idee massives Potenzial hat. Wenn wir eines Tages wie Captain Kathryn Janeway vom Föderationsraumschiff Voyager Tee bestellen können, wäre das fantastisch. Wenn wir den heutigen Stand der Technologie ansehen, dann ist das gar nicht so weit hergeholt. Die Assistants, ob sie nun Siri oder Google Now heissen, brauchen nur ein bisschen mehr Grips und schnellere Auffassungsgabe.

Dennoch sollten wir nicht vergessen, dass wir die Welt mit der Nutzung der Assistants etwas kleiner machen. Wir eliminieren eine der Dinge, die das Internet so grossartig machen: Die Wahl. Stattdessen geben wir uns wohl bald mit Nimm es oder lass es zufrieden. Das fügt kleinen Unternehmen Schaden zu und – seien wir ehrlich – macht unsere Leben ein kleines bisschen langweiliger. Weil so toll der Service auch sein mag, mit unseren Telefonen zu reden wird schnell langweilig.

Über den Autor

Dominik Bärlocher

Der Journalist Dominik Bärlocher ist seit 2006 im IT-Bereich tätig. Während seiner Arbeit als Journalist bei grossen Schweizer Zeitungen sind ihm seine Recherchefähigkeiten und seine IT-Affinität immer wieder zu Hilfe gekommen. Bei scip AG führt er OSINT Researches durch und betreibt Information Gathering.

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