Eine Viertelstunde in der Zukunft – Wo unsere Technologie hin geht

Eine Viertelstunde in der Zukunft

Wo unsere Technologie hin geht

Dominik Bärlocher
von Dominik Bärlocher
Lesezeit: 14 Minuten

Sehen wir uns doch mal unsere Technologie an. Wo sie herkommt und was wir so zur Verfügung haben. Erinnerst du dich noch an Windows 95? War das Teil nicht genial? Und irgendwann während diesen Jahren, so in den fast schon vergessenen Jahren des frühen öffentlichen Internets, konntest du deinen Computer mit einem Modem verbinden, das noch Geräusche gemacht hat. (und wo wir’s schon mal davon haben, wer hat noch nie Modemgeräusche nachgemacht? Da gibt es sogar einen Werbespot dazu.) Und heute? Du schaust dir diesen Text in einem Browser an, deine meistgenutzten Applikationen sind alle online und deine Daten sind entweder auf einem shared workspace oder in einer Cloud gespeichert. Oder vielleicht wartest du grade auf den Zug ins Büro und du liest das hier auf deinem Handy. Oder du sitzt im Zug und liest das auf deinem Laptop, obwohl du eigentlich vorhattest, ein paar Mail zu beantworten bevor du im Büro ankommst. All das war mal Science Fiction, ersonnen von Autoren, denen nachgesagt wurde, sie hätten zu viel Fantasie. Und einiges davon wurde sogar wahr. Hier eine kleine Liste, die weder repräsentativ noch komplett ist:

Mit all der damaligen Science Fiction, die uns Menschen heute zur Verfügung steht und all den Dingen, die Autoren im Laufe der Jahrzehnte richtig vorausgesagt haben, lohnt sich ein Blick auf die heutige Science Fiction. Im Spezifischen die Werke, die in der nahen Zukunft angesiedelt sind. Also lasst uns sehen, was diese in Punkto Voraussagen zu bieten haben. Und vielleicht werden wir eines Tages sagen “Oh, der hatte schon damals völlig Recht.” Ausserdem können wir mit Science Fiction recht gut auf den menschlichen Geist schliessen. Eines vorweg: Wir werden hier nicht über George Orwells 1984 reden. Das machen andere schon die ganze Zeit. Darum lassen wir die alles und jeden mal “orwell’sch” nennen und gehen einen Schritt weiter. Dennoch: Du solltest 1984 lesen, da es ein wirklich gutes Buch ist und viel Wichtiges zu hat.

The Circle von Dave Eggers sieht den totalen Verlust der Privatsphäre voraus

Das ist mal ein schönes Buch

In seinem New-York-Times-Bestseller The Circle blickt Autor Dave Eggers auf die heutige Gesellschaft und wie wir freiwillig unsere Privatsphäre aufgeben, nur damit wir irgendwelche bedeutungslosen Bonuspunkte erhalten. Im Buch tritt eine junge Frau namens Mae ihren neuen Job beim Social Network The Circle an. The Circle ist übrigens ein total offensichtlicher Seitenhieb in Richtung Facebook und Google. Schon zu Anfang des Buches wird Mae dazu genötigt, allerlei Sachen zu bewerten, vom Essen in der Mensa bis hin zur sexuellen Performance ihres Lovers. Dann entsteht ein neuer Trend: Going Clear. Das bedeutet, dass Menschen eine Kamera um ihren Hals tragen, die alles was sie sehen aufzeichnet und in einer Cloud abspeichert. Die Aufnahmen können zudem live gestreamt werden. Der Trend passiert kurz nachdem The Circle sein neuestes Kamera-Modell auf den Markt bringt. Es ist klein, haftet auf allen Oberflächen und kostet nur 59.90.

Das Buch gibt zu, dass jeden Tag so viele Daten in die Cloud geladen werden, sodass unmöglich alles gesehen werden kann, besteht die Möglichkeit, dass eine Datei oder ein Stream mittels Smiles und Zings (in etwa Facebook-Likes und Tweets) zum viralen Hit wird. Trotz des ganzen Grauens, das diese Entwicklung mit sich bringt, hat The Circle naive, noble Intentionen: Sie wollen alle über alles informieren. Es muss nicht gesondert erwähnt werden, dass das Buch eigentlich nur ein schlecht versteckter Kommentar ist, das nur dazu dient, die Meinung des Autors widerzugeben. Seine Charaktere sind nur Archetypen der unterschiedlichen Meinungen zum Thema Privatsphäre. Doch mit einem hat Eggers Recht: Wir scheinen in eine Zukunft nach dem Vorbild von The Circle zu gehen, wenn man sich umschaut: Facebook, Google, Yelp, TripAdvisor, Goodreads… alles wird bewertet und kommentiert, mit Likes und Retweets versehen.

Als interessante Randnotiz: Ein Mann hat es gemacht. Going Clear. Ari Kivikangas alias Cyberman streamt sein Leben seit 2010. 24 Stunden am Tag. Auf Finnisch. Vor kurzem hatte er eine Art Anfall und einer seiner Zuschauer hat die Ambulanz gerufen. Nachdem ich die Show etwa zehn Minuten lang angesehen habe, kann ich sagen, dass die Show todlangweilig aber merkwürdig faszinierend ist. Im Wesentlichen sah ich einem Mann dabei zu, wie er vor einem Computer sitzt, Musik hört und ab und zu laut herumrotzt. Das war’s.

Hotwire sieht Gespenster bedingt durch WLAN-Strahlen

Alice Hotwire. Beruf: Exorzistin.

Heutzutage machen sich die Menschen Sorgen, dass ihnen Handystrahlung und die Strahlen von Wireless Routern Krebs oder sonst eine Krankheit geben können. Doch die britischen Comic-Autoren Warren Ellis und Steve Pugh sind einen Schritt weitergegangen. Im Jahre 2009 haben sie in ihrem Comic Hotwire: Requiem for the Dead zeichnen sie eine Zukunft, in der die Strahlung von mobilen Geräten so dicht geworden ist, dass die Seelen der Verstorbenen – oder wie auch immer du das Ding, das einen Menschen zum Menschen macht, nennen willst – nicht mehr die Erde verlassen können.

Die Seelen werden zu sogenannten Blue-Lights. Sie können nirgends mehr hin, können weder schmecken noch fühlen oder mit jemandem sprechen, obwohl sie alles sehen. Manchmal werden die Seelen dadurch wahnsinnig. Und wenn das passiert, dann befähigt sie ihre Rage, die ganzen aufgestauten Gefühle, wieder Dinge anzufassen. Und auf einmal hat das London der Zukunft eine untote Monstrosität vor sich, das Chaos und Angst verbreitet. Das ist der Zeitpunkt an dem die Metropolitan Police ihre Detective Exorcists – kurz: DecEx – auf den Plan ruft. Die Beste auf diesem Gebiet ist Alice Hotwire. In ihrem Schädel ist ein Faraday’scher Käfig eingeätzt worden, damit die Blue-Lights nicht mit ihrem Kopf herumspielen können. Das Problem: Alice Hotwire ist nicht wirklich sozialkompetent. Die Menschen halten sie für unfreundlich bis asozial, unanständig und sie sind sich einig, dass Alice Hotwire kein guter Mensch ist.

Okay, das klingt mehr als unwahrscheinlich. Weil wenn so etwas möglich wäre, dann hätten wir bereits so etwas festgestellt. Vor allem in Spitälern, wo alle wichtigen Faktoren zusammentreffen, wäre so etwas leicht feststellbar. Denn in Spitälern sterben manchmal Menschen und praktisch jede Strahlung, die wir Menschen kennen wird dort eingesetzt. Röntgenstrahlen, Magnetstrahlung, Mikrowellen, WLAN-Strahlung. Und ich rede nicht mal davon, dass Spitäler Geister sehen sollten, sondern lediglich Anomalien in den Strahlungswerten feststellen sollten. Denn in Spitälern werden die Strahlungswerte genauestens vermessen. Daher sollte irgendetwas, wenn auch nur eine leichte Abweichung von der Norm, aufgefallen sein, wenn irgendetwas die Seelen zurückhalten sollte. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist. Und absurd.

Minority Report ist netzwerktechnisch generell verwirrt

Im Film Minority Report, der lose auf Philip K. Dicks Kurzgeschichte aus dem Jahre 1956 basiert, sehen wir Tom Cruise als John Anderton, der seines Zeichens Polizist in der nahen Zukunft ist. Dort können Menschen mit genetischen Anomalien in einem Tank die Zukunft voraussagen und so können Verbrechen verhindert werden, bevor sie überhaupt passieren. Nur dass das scheinbar perfekte System einen Haken hat. So findet sich Anderton schon bald selbst im Fadenkreuz der Ermittler.

“Was hat jetzt das mit Computern und Netzwerken zu tun”, höre ich dich fragen? Einfach. Der wohl beeindruckendste Aspekt des Films ist das Setdesign. Da sind Autos, die von Auto-Designern entworfen wurden, die – sollten sie je gebaut werden – so funktionieren würden. Dann sind da Computer, die mit Gesten bedient werden. Retina-Scanner überall. Der Fernseher schaut seinen Zuschauern zu.

Dies war alles Absicht von Regisseur Steven Spielberg, der sicherstellen wollte, dass der Film so realitätsgetreu wie nur irgend möglich ist. Mit der Ausnahme der Jetpacks, auch wenn ein Jetpack total grossartig für die tägliche Verwendung wäre. In einem Interview hat Spielberg Roger Ebert folgendes gesagt: “Ich wollte, dass all diese Spielzeuge eines Tages Realität werden. Ich will, dass es ein Transportsystem geben wird, das keine Gifte in die Umwelt entlässt. Und die Zeitung, die sich selbst aktualisiert… Das Internet sieht uns zu. Wenn sie wollen. Sie können sehen, auf welchen Seiten du dich rumtreibst. In der Zukunft wird uns auch der Fernseher zusehen und sich unseren Gewohnheiten anpassen. Das aufregende dabei ist, dass wir dann Teil des Mediums werden. Das erschreckende dabei ist, dass wir unser Recht auf Privatsphäre verlieren werden. Eine Werbung wird in der Luft vor uns erscheinen und direkt mit uns reden.”

Wie dem auch sei, wenn es um Computer und Netzwerkverbindungen geht, dann ist der Film auf einmal recht verwirrt. Wieso? Schau dir das an:

Was fällt dir auf? Sobald Daten von einem Gerät zum anderen verschoben werden, nutzen die Figuren im Film eine Art SD-Karte oder dieses komische, grosse Plexiglas-Ding. Kurz: Die Computer sind nicht miteinander verbunden.

“Naja, das ist gar nicht so übel. Weil vielleicht gibt’s in der Welt von Minority Repor kein Internet”, könntest du jetzt argumentieren. Und du hättest Unrecht. In einer späteren Szene geht Anderton durch ein Einkaufszentrum nachdem er eine illegale Operation über sich hat ergehen lassen, die ihm zwei neue Augen und zwei neue Netzhäute gegeben hat. Dies tut er, um unerkannt zu bleiben, weil überall Retina-Scanner sind, die Dinge machen dir wie personalisierte Werbung anzuzeigen. Das bedeutet eines: Irgendwo muss eine gigantische Datenbank sein, die deine Informationen abspeichert. Diese Datenbank wird vom Retina-Scanner ausgelesen. Aus einem Netzwerk.

Nehmen wir mal an, dass der grossartige gesten-gesteuerte Computer nicht mit einem Netzwerk verbunden ist, weil sie Sicherheitsbedenken haben und nicht wollen, dass jemand in ihre Computer eindringen kann. Ein guter Gedanke, eigentlich. Nur dass die Verbindung von zwei Computern nicht bedeutet, dass die Computer mit dem Internet verbunden sind. Es nennt sich Local Area Network. Und das gibt es schon seit den 1970er-Jahren.

Das Ganze wird noch verwirrender, wenn wir uns die Kurzgeschichte anschauen. Weil dort werden die Voraussagen des PreCrime-Departments zeitgleich im Hauptquartier des PreCrime und im lokalen Armeestützpunkt ausgedruckt, damit Korruption vermieden werden kann. Das bedingt auch wieder eine Netzwerkverbindung. Das wird übrigens im ersten Kapitel erwähnt.

Okay, das ist jetzt alles recht erbsenzählerisch, ich geb’s ja zu. Aber dennoch, so eine Zukunft wird wohl kaum je wahr werden. Weil ein Grossteil der Welt in Minority Report ist wahr geworden. Wir haben Computer, die mit Gesten bedient werden. Einige davon tragen wir sogar täglich in Form von Smartphones und Tablet mit uns herum. Wir haben zuhause die Kinect und ähnliche Technologien, die unsere Bewegungen aufzeichnen und uns so Videospiele kontrollieren lassen. Was wir nicht haben sind Mutanten, die in die Zukunft sehen. Und es ist höchst unwahrscheinlich, dass wir unsere Computer wieder isolieren werden, wie im Film zu sehen ist. Es sei denn, es wird eine Art Netzwerk-Killer-Apokalypse geben, die Netzwerke kaputt macht, alles andere aber intakt lässt. Hoffen wir mal, dass das nicht passiert, weil sonst würdest du das hier nicht lesen und ich hätte das gar nie schreiben können.

Uns bleibt nur das Warten

Wir sind hier, wir lesen das – oder, in meinem Fall, ich schreibe das – und wir fragen uns, was die Zukunft wohl bringen wird. Nebst den Tatsachen, dass ein neues iPhone auf den Markt kommen wird, das dem alten iPhone zum Verwechseln ähnlich sieht, ein neue Samsung Galaxy erscheinen wird und neue, grössere Fernseher mit besserem Sound und wasweissich angeboten wird, können wir nichts auf sicher sagen. Das ist es, was die Zukunft so interessant macht. Das ist es, was uns staunen lässt und uns auch ein bisschen Angst einjagt. All die wunderbaren Dinge, die von schlauen Menschen erfunden werden. Aber eines ist wichtig: Wir müssen neugierig bleiben. Wir müssen kreativ bleiben. Wir müssen vorsichtig bleiben. Wir müssen lesen, denken, bauen, Fehler machen und scheitern. Aber wir dürfen niemals aufhören. Niemals stillstehen. Immer neue Ideen haben, egal wie absurd, diese niederschreiben, Prototypen bauen. Und glaubt mir: Es wird lustig.

Über den Autor

Dominik Bärlocher

Der Journalist Dominik Bärlocher ist seit 2006 im IT-Bereich tätig. Während seiner Arbeit als Journalist bei grossen Schweizer Zeitungen sind ihm seine Recherchefähigkeiten und seine IT-Affinität immer wieder zu Hilfe gekommen. Bei scip AG führt er OSINT Researches durch und betreibt Information Gathering.

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